Stephan Kambor: Scrum Master & Agile Coach

Stephan ist Künstler. Er hat eine Ausbildung zum Energieelektroniker absolviert, Informatik, Physik, Management sowie bildende Kunst studiert und arbeitet seit 2016 in Teilzeit als Agile Coach und Scrum Master bei Breuninger – zwei Job-Bezeichnungen, die es vor ein paar Jahren noch gar nicht gab. Im folgenden Beitrag gibt er Einblicke in seine Rollen, Werte und in seinen Arbeitsalltag.

Zu Beginn möchte ich die genannten Begriffe Scrum, Scrum Master und Agile Coach aus meiner Sicht erklären, weil sie außerhalb des IT-Umfeldes wenig bekannt sind und die Ansichten stark variieren. Scrum ist die Bezeichnung für eine Methode oder ein Modell (manche nutzen auch den Begriff „Framework“), um komplizierte und komplexe Projekte zu managen. Die wesentlichen Punkte sind das deutlich machen von Fortschritt und Hindernissen, die konstante Überprüfung und Beurteilung von regelmäßig gelieferten, kleinen Ergebnissen sowie die kontinuierliche, detaillierte Anpassung an die Anforderungen. Das Ziel ist es, mit der zur Verfügung stehenden Zeit und dem zur Verfügung stehenden Budget ein, innerhalb bestimmter Rahmenbedingungen, maximal wertschöpfendes Ergebnis zu liefern. Als Scrum Master unterstütze und befähige ich Teams dabei, diese Methode zu erlernen, sie kontinuierlich zu verwenden und sich aus eigener Kraft und eigenem Antrieb zu verbessern. Ich versuche, Störungen und Hindernissen vorzubeugen oder behebe sie, falls sie auftreten und beschütze meine Teams vor unberechtigten Eingriffen von außen. In meiner Rolle als Scrum Master bin ich eine dienende Führungskraft.

„Geduld, Ausdauer und die sprichwörtlichen Nerven wie Drahtseile sind unerlässlich.“

Um Methoden wie Scrum erfolgreich einzusetzen braucht man im Unternehmen eine bestimmte Kultur. Kultur ist das Betriebssystem des Menschen und genauso wie der Wechsel des Betriebssystems auf einem Computer oder Mobiltelefon stellt dies für den einen Menschen eine größere Herausforderung dar als für den anderen. Agile Kultur fußt unter anderem auf agilen Werten – agil im Sinne von gewandt, geschickt, aktiv, tüchtig, anpassungsfähig, leidenschaftlich und beweglich. In einer agilen Kultur sind Veränderungen nicht nur willkommen, sondern notwendig und werden zum Wettbewerbsvorteil genutzt. Wer sich schneller anpasst, ist schneller (wieder) handlungsfähig und kontrolliert die Situation. Es ist wichtig, früh und kontinuierlich wertvolle Ergebnisse zu liefern und Projekte um motivierte Individuen herum zu errichten. Unterstützung und Vertrauen sind wichtiger als Kontrolle. Selbstorganisierte und sich regelmäßig reflektierende Teams, die über eine unbegrenzte Zeit ein gleichmäßiges Tempo halten, sind ein wichtiger Pfeiler, ebenso wie technische Exzellenz und gutes Design. Als Agile Coach ist es mein Ziel, Werte, die eine agile Kultur fördern, vorzuleben und zu vermitteln. Geduld, Ausdauer und die sprichwörtlichen Nerven wie Drahtseile sind dabei unerlässlich.

Leider sind „agil“ und „Scrum“ in den letzten Jahren zu bloßen Schlagwörtern verkommen, die häufig fallen, sobald das Management bemerkt, dass vergangene Methoden nicht mehr funktionieren. Einen Kulturwandel kann man jedoch nicht von oben befehlen und mit Druck durchsetzen. Als dienende Führungskraft habe ich keinen disziplinarischen Durchgriff auf irgendeine Mitarbeiterin oder einen Mitarbeiter. Jede Veränderung, die Menschen (mit-)machen, mit denen ich arbeite, müssen sie selbst wollen. Nur wenn eine Veränderung aus einer Person oder einem Team heraus entsteht, hat sie die Chance, beständig zu sein.

Der Blick geht immer durch die Zukunftsbrille.

Eingangs wurde der Arbeitsalltag erwähnt. Über meinen Arbeitsalltag kann ich nur wenig sagen, denn ich habe keinen. Jeder Tag ist anders und ich muss jeden Tag mit anderen Situationen umgehen. Das ist es, was ich an dieser Arbeit sehr schätze. Es gibt eine hohe kreative Komponente, denn ich kann selten ein Problem mit einer bereits vorhandenen Methode vollständig lösen. In einem Umfeld, in dem komplexe Software für einen sich sehr schnell wandelnden Markt von sehr stark individualisierten Menschen entwickelt wird, kann man kaum noch mit standardisierten Modellen oder Methoden arbeiten. Als Künstler ist es normal, zu improvisieren, denn es ist das Ziel, irgendwo hinzukommen, wo noch keiner war; dazu gehört es eben, dass man auch bei schlechtem Wetter gute Fotos machen oder Bilder wieder übermalen muss. In den Breuninger-Teams ist das genauso. Wir haben viele mehrdimensionale Anforderungen und die lassen sich nicht mehr nach Lehrbuch abarbeiten. Das steht dem, was die meisten Leute einmal gelernt haben, komplett entgegen und hat auch gesellschaftliche Implikationen. Wir leben in einer Gesellschaft in der man sich immer rechtfertigen muss oder bestraft wird, wenn man von irgendeiner Gewohnheit oder einem Narrativ abweicht. Auf der anderen Seite wird man oft belohnt, wenn man immer dasselbe macht – nicht nur von unserem Umfeld, sondern auch von unserem eigenen Gehirn. Wir erleben kognitive Leichtigkeit bei Handlungen, die uns bekannt sind. Es ist ein harter, langer Prozess einmal gelernte Verhaltensmuster oder Gewohnheiten zu erkennen, in Frage zu stellen und gegebenenfalls zu verändern. Meine Mission ist es, dabei zu unterstützen. Ich sehe alle Menschen in ihrer Möglichkeitsform, also wie sie sein könnten.

„Ich habe keinen Respekt vor Problemen, ich muss sie lösen …“

Ich habe keinen Respekt vor Problemen, ich muss sie lösen – im Zweifel zu Fuß, mit Handarbeit und allein. Wiederverwendbarkeit von Lösungen ist schön, aber in meinem Umfeld selten. Da ich aus Angst vor (künstlerischer) Banalität einen ausgeprägten Wiederholungsekel habe, hinterfrage ich Sachen ständig, auch wenn sie auf den ersten Blick gut funktionieren. Außerdem sind die größten Tragödien in der Geschichte passiert, weil Menschen glaubten das Richtige zu machen und weil es für sie gerade gut funktionierte.
Oft treffe ich Leute, die denken, dass wir in einer Zeit leben, in der schon alles gesagt und gemacht ist. Die aufgehört haben, ihre Umgebung in Frage zu stellen. Gegen diese Umgebungen trete ich gern und beobachte, was passiert. Am Anfang machen die meisten Bewohner dieser Umgebungen nur das Fenster auf und rufen: „Verpiss Dich!“ Manchmal gehe ich auch in die Umgebungen anderer Leute und richte mich dort ein, um so zu fühlen wie sie. Und wenn sie akzeptiert haben, dass ich jetzt in ihrer Umgebung bin, fange ich an, sie zu motivieren ihre Möbel umzustellen, ihre Bilder auszutauschen und die Wände neu oder anders zu streichen. Die Bandbreite der Reaktionen kann sich jeder vorstellen. Manchmal geht etwas kaputt, manchmal ist das Ergebnis kompletter Schrott, manchmal ist es so mittel, manchmal super und manchmal legendär.
Die Zukunftsbrille ist natürlich wenig kompatibel mit der Realität und ich mache mir damit nicht nur Freunde. Als Agile Coach und Scrum Master muss man oft Sachen mit sich allein ausmachen. Ich kann meine Impediments (Hindernisse/Störungen) niemandem über den Zaun werfen – das muss ich aushalten.

„Ich versuche die kreativen und schöpferischen Fähigkeiten anzustoßen.“

Der Aktionsradius als Agile Coach und Scrum Master bei Breuninger ist riesengroß. Meine Arbeit beschränkt sich nicht nur auf die Entwicklerteams in Stuttgart, Bremen und Hamburg, sondern erstreckt sich auch auf nicht technische Bereiche wie Personal, Marketing, Events oder Projektmanagement. Gemeinsam mit Kolleginnen und Kollegen aus der IT verbessern und testen wir kontinuierlich unsere Soft- und Hardware für die verteilte Arbeit in Teams. Ebenso bin ich Teil einer Gruppe, die eine eigene Rocket-Chat-Instanz für die unternehmensweite Chat- und Videokommunikation betreibt. Wir entwickeln neue Features für das Open-Source-Projekt und unterstützen den Roll-out. Weil ich in Meetings oft Sketchnotes mache, wurde ich gefragt, ob ich das Cover eines Notizbuches gestalten möchte, das unsere Führungskräfte erhalten.
Diese große Bandbreite an Aufgaben gibt mir die Möglichkeit, Abstand zu bekommen. Wenn ich bei einer Sache nicht weiter komme oder scheitere, kann ich sie eine Zeit liegen lassen. In der Zwischenzeit kann ich Ideen und Kraft sammeln, auftanken und dann neu anfangen. Ich habe Kontakt zu vielen Menschen, mit denen ich auf unterschiedlichste Weise interagiere, bekomme viele Meinungen und direktes Feedback. Mir ist bewusst, dass diese Art zu arbeiten noch nicht alltäglich ist, aber ich bin überzeugt davon, dass wir uns in diese Richtung entwickeln müssen. Jede Arbeit, die einem wie auch immer gearteten Plan oder Muster folgt oder folgen kann, wird perspektivisch von Maschinen und Automaten erledigt. Als Menschen sind wir in der Lage, eine unglaublich große Bandbreite an Tätigkeiten zu erlernen und auszuüben. Ich versuche Menschen zu motivieren genau das zu tun, denn das schiebt unsere kreativen und schöpferischen Fähigkeiten an, wir fangen an zu spielen und das führt dazu, dass wir grundsätzlich Neues entdecken und entwickeln können. Wir sehen dann Arbeit nicht mehr als Arbeit, sondern vielleicht als Spiel oder Kunstprojekt. Und dann haben wir alles erreicht.